10.03.2026

Zwischen Krieg und Hoffnung

Iraner fürchtet um das Leben seiner Lieben. In seinem Heimatland herrscht Krieg. Saeid Izadi fand Zuflucht in Trittau und Hilfe unter dem Dach der Bürger-Stiftung Stormarn – nun wird aus dem Geflüchteten ein Helfer.

1 Saeid Izadi und Walter Nussel QUER
4 Portraet Saeid Izadi

VERENA KÜNSTNER

Trittau Die Lage im Iran ist chaotisch – und trotz des Krieges gibt es Hoffnung, dass die Menschen dort nach jahrzehntelanger Unterdrückung frei sein dürfen. „Es ist gut, dass Diktator Chamenei auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet ist“, sagt Saeid Izadi. 18 Jahre lebte der heute 26-Jährige in dem von einem islamischen Terror-Regime geführten Staat, als Christ wurde er politisch verfolgt und musste fliehen. Nun bangt er um das Leben seiner Freunde und Verwandten in der früheren Heimat.

Gemeinsam mit seiner Schwester und seiner Mutter verlässt Saeid 2018 den Mittleren Osten und findet Zuflucht im Kreis Stormarn. Ein Teil der Familie lebt nach wie vor im Iran – und jetzt mitten im Krieg. Seit Ende Dezember 2025 kam es dort zu landesweiten Protesten gegen die politische Führung der Islamischen Republik. Ausgelöst durch die dramatisch angespannte wirtschaftliche Lage und immer schlechter werdende Lebensbedingungen strömten Menschen auf die Straße, die unter der Herrschaft eines, wie sie sagen, „mörderischen Führer“ litten. Bei den Massendemonstrationen griff das Regime brutal durch: Es beendete die Proteste mit Gewalt, es gab Zehntausende von Toten.

Hoffnung auf Regimewechsel im Iran

In Hamburg und München war Saeid Anfang des Jahres mit mehr als einer Viertelmillion Menschen auf der Straße, um gegen die iranische Führung und für Menschenwürde in seiner Heimat zu demonstrieren. „Ich habe das große Glück, jetzt in einem demokratischen Land leben zu dürfen. Erst hier in Deutschland habe ich gelernt, dass es Freiheit überhaupt gibt. Ich darf meine Meinung kundtun und muss dabei keine Angst vor Inhaftierung oder Schlimmerem haben“, sagt Saeid. Wie viele seiner Landsleute setzt Saeid jetzt mehr denn je große Hoffnung in Reza Pahlavi. Der Sohn des 1979 gestürzten iranischen Schahs will das Land „in eine säkulare, demokratische Zukunft“ führen, Freiheit und Gleichheit für alle Bürger ermöglichen. Saeid wünscht sich diesen Übergang vom Gottesstaat hin zu einer Staatsform, in der das Volk ernst genommen wird und mitbestimmen darf. „Die aktuellen Militärschläge könnten zu diesem erhofften Systemwechsel führen“, sagt er. Andere Stimmen fürchten jedoch, dass die Anhänger des getöteten islamischen Führers mit noch mehr Gewalt gegen die Bevölkerung auf die Angriffe antworten.

Ihr Engagement kann Stormarn bewegen

Unterstützen Sie Ihre Region, indem Sie einzelne Projekte oder ganze Stiftungen bedenken. Mit einem Ehrenamt können Sie unsere Arbeit auch mit Ihrer Zeit unterstützen.

3 Ursula Otten HOCH v5

Vom Hilfesuchenden zum Helfenden

Wie Tausende andere Menschen mit dem gleichen Schicksal verliert Saeid Izadi mit der Flucht sein altes Leben. Der damals 18-Jährige steht er vor einem Neuanfang in einem Land, dessen Sprache er nicht spricht und dessen Kultur ihm fremd ist. „Für mich war klar, dass ich schnell deutsch lernen muss, um hier wirklich anzukommen“, sagt er. Doch so lange sein Asylantrag nicht anerkannt ist, darf er keinen offiziellen Sprachkurs besuchen. Saeid will nicht warten. Er hilft sich selbst, übt täglich stundenlang die neue Sprache über Onlinevideos und bezahlt von dem wenigen Geld, das ihm zur Verfügung steht, einen privaten Deutschkurs. „Sprache ist der Schlüssel zu einer guten Integration“, sagt der Iraner voller Überzeugung. Als Saeid vom Café International erfährt, das die Trittauer Bürgerstiftung alle 14 Tage in der Wassermühle organisiert und wo sich Menschen jeder Herkunft und Religion treffen und austauschen können, führt sein Weg ihn sofort dahin. Er will seine Sprachkenntnisse vertiefen und in echten Gesprächen anwenden. „Am Anfang habe ich bestimmt 70 Prozent meines Gegenübers nicht verstanden.“ Saeid lacht. „Was ich aber sofort gespürt habe, war die Herzlichkeit und das offene Wesen der Ehrenamtlichen.“

Walter Nussel und Ursula Otten gehören zu den Initiatoren des Cafés, das die Trittauer Bürgerstiftung 2017 unter dem Dach der Bürger-Stiftung Stormarn ins Leben gerufen hat. Rund 40 Menschen engagieren sich ehrenamtlich in der Gemeinde an der Hahnheide und sorgen mit verschiedenen Aktionen für ein gutes Miteinander.

Trittaus Bürgermeister Oliver Mesch

„Sie füllen eine Lücke, denn durch die Stiftung werden Aufgaben wahrgenommen, für die es sonst niemanden gibt. Sie gibt Menschen, die etwas Gutes für ihren Ort bewirken möchten, die Möglichkeit, dies zu tun.“ An seine bisherigen Besuche im Café International denkt er gern. Er sagt: „Kaum öffnet man dort die Tür, umfängt einen ein lebendiges Stimmengewirr in den unterschiedlichsten Sprachen. Es duftet nach Kuchen, Kaffee und Tee, es wird geredet und viel gelacht.“ Man spüre, dass hier Menschen zueinander finden. Das bestätigt Saeid, der aus eigener Erfahrung weiß, welche schwere Last viele der Cafébesucher mit sich tragen. „Der Austausch untereinander hilft, Erlebtes zu verarbeiten.“

2 Saeid Izadi und Walter Nussel HOCH

Aus Dankbarkeit wird Engagement

Da er dank seiner Eigeninitiative so gut deutsch spricht, springt der Iraner immer öfter als Dolmetscher im Café ein, wird vom einst Hilfesuchenden zum Helfenden. Ursula Otten, die zweite Vorsitzende der Trittauer Bürgerstiftung, vermittelt Saeid den Kontakt zum Rotary Club Bargteheide, der ein Förderstipendium für soziale Berufe vergibt. Saeid bewirbt sich erfolgreich und schließt die Ausbildung zum sozialpädagogischen Assistenten mit Bestnote ab. „Ich habe so viele Jahre unter einem menschenverachtenden Regime gelebt, umso dankbarer bin ich, hier in Deutschland sein zu dürfen.“ Mit sozialem Engagement auf verschiedenen Ebenen drückt er diese Dankbarkeit aus, will vor allem Kindern und Jugendlichen Werte wie Mitgefühl und Zusammenhalt nahebringen. Derzeit arbeitet Saeid in einem Kindergarten in Ahrensburg, sucht parallel nach einer Ausbildungsstelle zum Erzieher. Neben seiner Arbeit studiert er Literarisches Schreiben an einer Fernuniversität, schreibt Gedichte in der Sprache, die er erst seit ein paar Jahren kennt. „Ich will immer weiter lernen“, sagt er. Bald wird er auch fest zum Beirat der Trittauer Bürgerstiftung gehören. Die Wahl ist nur noch Formsache. Während sein Herz in diesen Tagen mit seinen Landsleuten im Iran mitfiebert, ist Saeids Wille ungebrochen, sich in seiner zweiten Heimat Deutschland für andere Menschen einzusetzen.